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PRÄAMBEL

Jugendhilfe und Eingliederungshilfe für Menschen mit einer psychischen Behinderung sind unterschiedliche Tätigkeitsfelder. Dennoch haben wir für den Verein ein gemeinsames Leitbild entwickelt. Wir meinen, daß sowohl in der Jugendhilfe als auch in der Eingliederungshilfe für psychisch erkrankte Erwachsene die gleichen Grundwerte das Handeln bestimmen. Der emanzipatorische Ansatz, die Hilfe zur Selbsthilfe, aber auch die Orientierungshilfe, das Anbieten von Reibungsflächen zum Finden und Herausarbeiten eigener Positionen kann in beiden Bereichen gleichermaßen Leitbild für das pädagogische Handeln sein.

 

DIE ORGANISATIONSFORM

Der Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Er bietet in übersichtlichen, kleineren Einrichtungen in Lübeck und Bad Schwartau Leistungen unterschiedlicher Intensität gemäß dem Kinder und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) und der Eingliederungshilfe nach dem Bundessozialhilfegesetz (SGBXII) an. Der Verein wird ehrenamtlich geführt und ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein. Er ist Teil der Versorgungssysteme für Jugendliche und psychisch erkrankte Menschen in Lübeck und Ostholstein und als solcher an der Planung und Ausgestaltung der Hilfen beteiligt. Als freier Träger begreift sich der Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen e.V. als eine Ergänzung zu staatlichen, privaten und kirchlichen Einrichtungen im Sinne einer Bereicherung der Angebotslandschaft.

 

UNSERE WERTE

Unserem Menschenbild liegt die Annahme zugrunde, dass jeder Mensch - sei er noch so krank oder in seiner Entwicklung beeinträchtigt - in seinem Inneren die Spur seiner Entwicklungsrichtungen und Wachstumsmöglichkeiten birgt. Wir verstehen menschliche Entwicklung, Lernen und Neuorientierung als Prozesse, die kurz-, mittel- und langfristigen Charakter haben können und deren Dauer nicht zwingendermaßen eine Qualitätsaussage bildet. Im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfordert die Übernahme von Verantwortung eine umfassende Förderung des jungen Menschen, seiner Fähigkeiten und Ambitionen. Sie muss über die Klärung der für die eingeleiteten Maßnahmen ursächlichen Problemstellung hinausgehen. Inhaltlich bilden die Dimensionen Förderung, Sicherheit, (emotionale) Zuwendung, Unterstützung die wesentlichen Haltungen und Aktivitäten in der Begegnung von Person zu Person, die einer konstruktiven Persönlichkeitsentwicklung zugrunde liegen und auf deren Basis erst verlässliche Beziehungen, Vertrauen und Zuversicht entstehen und Konflikte austragbar und aushaltbar sind. Unter Wahrung von Würde und Selbstbestimmung kann das Entwicklungsausmaß nur von den Betroffenen selbst bestimmt werden. Hierbei ist die Schaffung einer wohlwollenden und vertrauensvollen Atmosphäre in einer tragfähigen Betreuungsbeziehung die Grundlage für eine Bereitschaft zur Weiterentwicklung. Wir haben den Anspruch von subjektorientiertem und individuumgerechtem Handeln. Dieser bedingt eine Flexibilität der Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter, die in der Lage sein sollen, ihren Blickwinkel auf ihr Gegenüber und die aktuellen Erfordernisse einzustellen. Unser Handeln orientiert sich an der Überzeugung, dass dem Menschen ein Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit innewohnt. Jeder Mensch wird in seiner Gesamtheit mit seinen Ressourcen und Fähigkeiten, aber auch Schwächen und Einschränkungen in seinem jeweiligen sozialen und familiären Umfeld wahrgenommen und geachtet. Somit werden vermeintliche Schwächen als Aktualisierung eines inneren Konflikts und Leidens gesehen und nicht verurteilt, sondern als solche gewürdigt. Psychische Erkrankungen oder andere Einschränkungen werden als Ausdrucksformen und dynamische Prozesse des Menschen begriffen und als solche im Betreuungsprozess thematisiert und reflektiert. So genannte Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm werden auch als Ausdruck der Vielfalt menschlichen Seins verstanden. Individualität zu wahren, setzt eine akzeptierende und tolerierende Haltung in Bezug auf unterschiedliche Lebensweisen voraus. Psychisch behinderte Menschen sind selbstverständlicher und wertvoller Teil der Gesellschaft, in der sie leben. Deshalb wird das Maß, indem eine Gesellschaft ihre schwächeren Mitglieder wahrnimmt, akzeptiert, fördert und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Würde ermöglicht, immer auch Ausdruck ihres Integrationsvermögens sein.

 

UNSERE ZIELE

Wir sehen unsere Aufgabe darin, denjenigen Menschen Hilfe, Begleitung und Förderung anzubieten, deren Entwicklung oder Genesung durch eine psychische Erkrankung und/oder ungünstige familiäre und soziale Bedingungen gefährdet ist. Der Verein nimmt diese Aufgabe sowohl im sozialpsychiatrischen Bereich als auch im Bereich der Jugendhilfe wahr.

Dabei stehen folgende Ziele im Vordergrund:

 

  • Die Abwendung und Aufarbeitung sozial bedingter Krankheits- und Entwicklungsfolgen; da im Falle des Ausbleibens von Unterstützung mit einer Benachteiligung zu rechnen wäre.
  • Je nach vorhandenen Ressourcen der betroffenen Menschen wollen wir daran wirken, die soziale Integration zu bewahren, zu schaffen, bzw. wieder herzustellen. Die von uns betreuten/begleiteten Menschen möchten wir dazu ermutigen, sich als Teil der Gesellschaft zu sehen und sich einzumischen.
  • Zielrichtung der Unterstützung ist in jedem Fall eine Entwicklung zu einem individuell höchst möglichen Maß an Selbständigkeit und Gesundheit. Das Hilfsangebot wird hierbei als vorübergehendes Angebot begriffen, mit der Absicht sich selbst — bzw. die Hilfeleistung — überflüssig zu machen. Um diese Entwicklung zu fördern, halten wir eine kontinuierliche Betreuungsbeziehung für die Basis unserer Arbeit.
  • Uns ist daran gelegen, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der Suche nach geglückten Lebensformen, nach Perspektive, Orientierung und Sinn zu unterstützen, sie für die Vielgestaltigkeit des Lebens zu sensibilisieren und die Widersprüchlichkeit sozialer Wirklichkeit im Dialog mit ihnen zu interpretieren.

Diese Ziele wollen wir mit unseren gemeindenahen, am Alltagsleben der Betroffenen ansetzenden Angeboten wahrnehmen. Daher kommt es zu einem Spannungsfeld zwischen den

Möglichkeiten und den gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen. Eine Auflösung erfordert Bereitschaft auf beiden Seiten, den anderen in seiner Art zu akzeptieren. Dieses versuchen wir auf unterschiedlichen Ebenen zu erreichen. Angehörige können sich mit Informations- und Beratungsbedarf an uns wenden und werden mit unterschiedlicher Intensität in den Betreuungsprozess einbezogen.

 

KONSEQUENZEN FÜR UNSER HANDELN

Um eine qualifizierte und den Bedürfnissen der zu betreuenden Menschen entsprechende Betreuungsarbeit leisten zu können, muss ein einheitlicher fachlicher Grundkonsens aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verbundes vorhanden sein, der sich aus den Werten und Zielen ergibt.

Flexibilität, Partnerschaftlichkeit, Selbstreflexion und Authentizität sind neben Fachkompetenzen Voraussetzungen für die Gewährleistung professioneller Arbeit im Verbund: In der gegenwärtigen individualisierten Lebenswelt ist es von besonderer Wichtigkeit, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen, eine jeweils sichtbar konturierte Lebensform der Erwachsenenkultur zu repräsentieren, den Orientierungsprozess der Kinder und Jugendlichen in der persönlichen, ernsthaften Auseinandersetzung zu stärken und das eigene Handeln normativ zu begründen. Die Mitarbeiterinnen sollten sich als Förderer verstehen, die ihre Fachlichkeit und Personalität einbringen, um den Anspruch nach reflektiertem und kontrolliertem Verhalten gegenüber den Kindern und Jugendlichen ebenso einzulösen wie den Wunsch nach einer Atmosphäre entspannter Alltagsnormalität oder erlebnisintensivem Aktionshandeln. Die Betreuungsarbeit wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Verbund als dynamischer Prozess begriffen, in welchem ein hohes Maß an Flexibilität erforderlich ist, um den individuellen Bedürfnissen der zu betreuenden Menschen gerecht zu werden. Aktuelle Begebenheiten werden stets mit bereits formulierten Zielen in Verbindung gebracht, um dann flexibel und individuumgerecht reagieren und handeln zu können. Die Konfrontation mit dem gesellschaftlichen Konsens und seinen Normen erfordert standfeste und Orientierung gebende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sowohl innerhalb der Teams als auch im gesamten Verbund steht partnerschaftliches Arbeiten im Vordergrund; das bedeutet gegenseitiges Respektieren und Achten der Person und Arbeit jeder/s einzelnen Mitarbeiterin/Mitarbeiters. Die Qualität der Arbeit im Verbund zeichnet sich weiterhin aus durch die Bereitschaft zur kontinuierlichen Selbstreflexion in Form von Fall- und Team-Supervisionen, Teambesprechungen und einrichtungsinternen und - externen Fortbildungen. Dadurch können sowohl teaminterne als auch im Betreuungssetting stattfindende Prozesse und Veränderungen reflektiert und Bedürfnis orientiert gehandhabt werden.

Weitere Grundlagen für die professionelle Arbeit im Verbund sind fachliche Qualifikation und Eigenverantwortlichkeit sowie Vernetzung und Zusammenarbeit der einzelnen Einrichtungen untereinander und auch mit externen sozialen Einrichtungen: Bei der Einstellung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt den fachlichen Kompetenzen hohe Bedeutung zu, um einen qualitativ hohen Betreuungsstandard aufrechterhalten zu können. Ein besonderes Merkmal des Verbundes sind die flachen Hierarchiestrukturen in den einzelnen Einrichtungen, welche ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und

Selbstorganisation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfordern. Ausrichtung hierbei ist: So demokratisch wie möglich, so hierarchisch wie nötig. Ein wichtiges Element der Zusammenarbeit besteht in der Vernetzung einzelner Teams innerhalb des Verbundes. Betreuungskonstellationen, die sich sowohl aus dem SGB VIII- als auch aus dem SGB XII-Bereich zusammensetzen, können unter gemeinsamer Trägerschaft des Verbundes multiprofessionell bearbeitet werden. Gewünscht wird die Intensivierung des Austausches unter den Teams der verschiedenen Einrichtungen, um die jeweiligen Kompetenzen der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch besser nutzen zu können. Durch die Möglichkeit, an Arbeitsgemeinschaften, frauenspezifischen Arbeitskreisen etc. teilzunehmen, wird ein Arbeitsplatz übergreifender Austausch mit anderen sozialen Institutionen unterstützt. Zum einen wird somit die Repräsentation und damit Öffentlichkeitsarbeit des Verbundes gefördert und zum anderen werden neue oder ergänzende Angebote anderer Einrichtungen zur optimalen Betreuungsarbeit ins Bewusstsein gerufen.

Öffentlichkeitsarbeit und Qualitätssicherung bilden zwei weitere notwendige Pfeiler für den Erhalt der Professionalität der Arbeit im Verbund: Im Zuge der Öffentlichkeitsarbeit wird kontinuierlich auf die Aktualisierung der Faltblätter der einzelnen Einrichtungen und auf die Präsenz und Teilnahme an Arbeitskreisen, Eröffnungsveranstaltungen etc. geachtet. Die Konzeptionen der Einrichtungen müssen als operationalisierter Teil des Leitbildes nicht nur ständig auf ihren Einklang damit überprüft, sondern auch durch das tägliche Handeln mit Leben erfüllt werden. Bei der Veröffentlichung von Zeitungsartikeln, der Durchführung von Festen und Veranstaltungen und anderen der Öffentlichkeitsarbeit und Transparenz dienlichen Anlässen, legt der Verbund großen Wert auf die Wahrung der Intimität der zu betreuenden Menschen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben und den Erhalt qualitativer Arbeit zu gewährleisten, stellt ein einheitliches, übersichtliches und inhaltlich vollständiges Dokumentationssystem eine wichtige Voraussetzung dar.